Historischer Streifzug durch die oberbayerische Zugspitz-Region

Christa —  26. Juni 2014 — Kommentieren

1. Teil von Benediktbeuern bis Mittenwald im Werdenfelser Land

Deutschlands höchster Gipfel überragt mit 2962 Metern nicht nur das Wettersteingebirge, er beherrscht auch das oberbayerische Voralpenland bis hin nach München. Obwohl hundert Kilometer entfernt, können die Münchner bei föhnigem Wetter die Alpenkette und ihren Hausberg, die Zugspitze zum Greifen nahe sehen. Auf meinem Streifzug durchforste ich das Werdenfelser Land und das Blaue Land, das Land der Geigenbauer, der Wessobrunner Barock- und Rokoko-Meister und der Lüftlmaler – das Land des Blauen Reiters. Eine idyllische, anmutige Landschaft die gefällt, nicht nur den Künstlern des letzten Jahrhunderts, die diese Region weit über die Grenzen Bayerns hinaus prägten. Dieses Bilderbuch Oberbayern ist ursprünglich geblieben, ein bisserl nostalgisch. Mancherorts so scheint es, hat die Zeit einen Stopp eingelegt… vielleicht, weil es ihr so gut gefallen hat. Wie sagt man bei uns in Bayern… „Dann schau’n ma a moi!“

Länge der Route: rd. 120 km

Orte am Weg:
1. Teil Benediktbeuern, Kochel am See, Walchensee, Mittenwald
2. Teil Garmisch-Partenkirchen, Ettal, Oberammergau und Murnau am Staffelsee

Abstecher: das Franziskanerkloster St. Anton (kleine Wanderung)
Abstecher: Schloss Linderhof im Graswangtal (ca. 20 km)

Denkmal des Geigenbauers Matthias Klotz vor der Pfarrkirche Peter und Paul in Mittelwald

Denkmal des Geigenbauers Matthias Klotz vor der Pfarrkirche Peter und Paul in Mittenwald

Das Landl mit der malerischen Bergkulisse des Karwendel- und Wettersteingebirges im Süden, zieht im Einklang mit den behäbig inmitten der oberbayerischen Moränenhügel ruhenden Seen und Moore die Menschen seit jeher an. Dazwischen plätschert die Loisach seelenruhig durch Garmisch gen Norden nach Murnau, dreht hier eine Südostkurve zum Kochelsee und fließt gemach in nördlicher Richtung bis Wolfratshausen weiter, der Isar entgegen. Der Schein trügt. Auch die Loisach schafft es zu einem reißenden hochwasserbringenden Gebirgsfluss zu werden.

Zu den berühmtesten Personen zählen Gabriele Münter, Wassily Kandinsky und Franz Marc, die diese facettenreiche Landschaft gerne in ihren Bildern festhielten. Sie haben in ihrem „Blauen Land“ tiefe Spuren hinterlassen, die in Murnau und Kochel genau unter die Lupe genommen werden können. Anfang des 20. Jahrhunderts zog mit ihnen die Neuzeit ein. Ihr “Blauer Reiter” gab der modernen Kunst entscheidende Impulse.

Das Bild dieser Region prägte auch die Lüftlmalerfamilie Zwinck aus Oberammergau sowie die Baumeister und Stuckateure aus Wessobrunn, die auszogen, der Nachwelt eindrucksvolle Barock- und Rokokokirchen zu hinterlassen. Sie belebten das 18. Jh. mit einer eigenen Stilrichtung bis weit über die Grenzen Oberbayerns hinaus.

Benediktbeuern

Kloster Benediktbeuern mit Alpen-Kulisse

Kloster Benediktbeuern mit Karwendel-Kulisse

Klosterkirche Benediktbeuern

Klosterkirche Benediktbeuern

Wie der Name ja schon verrät, handelte es sich anfänglich um eine Abtei der Benediktiner, die ihren Ursprung auf das 8. Jh. zurückführt. Hier wurde die mittelalterliche “Carmina Burana” (11.-13 Jh., Beurer Lieder) gefunden, die Carl Orff um 1935 vertont hat. Kunst und Wissenschaft standen über all die Jahrhunderte hoch im Kurs. Heute wirken in diesem altehrwürdigen Kloster die Salesianer Don Boscos. Die ehemalige Klosterkirche ist ein äußerst markanter Kirchenbau mit zwei Zwiebeltürmen und einer – für mich – sehr beeindruckenden Innenausstattung in Barock und Rokoko. Kritiker sagen dem Baumeister Kaspar Feichtmayr (Mitbegründer der Wessobrunner Schule) nach, „er hätte hier kein ausgereiftes Barockwerk zu Wege gebracht“ (Quelle: Gerhard Eckert, DuMont). Zum Glück hat jeder Betrachter seine eigene Meinung dazu. Die Fresken stammen von Hans Georg Asam, dem Vater der bekannten „Asam Brüder“ (siehe Asamkirche, München). Wenn ich in dieser Region unterwegs bin, was des Öfteren der Fall ist, statte ich der Kirche jedes Mal einen Besuch ab und werde nie müde, dieses Prachtwerk zu bestaunen. Bevor Sie Benediktbeuern verlassen, unbedingt noch die Anastasiakapelle (Rokoko, 1751/53) und den spätgotischen Kreuzgang (Eingang neben der Kirche, hinter dem Klosterladen) anschauen. (Info: www.kloster-benediktbeuern.de)

Kochel am See

Einladende Uferpromenade am Kochelsee

Einladende Uferpromenade am Kochelsee

Auf der Weiterfahrt gen Süden fällt in der Ortsmitte von Kochel ein großes Denkmal auf. Der gusseiserne Schmied von Kochel, der den Bauernaufstand von 1705 in der Mordweihnacht von Sendling (damals Vorort von München) angeführt haben soll, mit einer selbst angefertigten zentnerschweren und mit Nägeln besetzten Keule. Ob dieser starke Mann aus Kochel eine Legende oder Wahrheit ist, darüber rätseln die Historiker. Das Massaker jedenfalls führte nicht zur Befreiung der Bayern. Die Truppen des österreichischen Kaisers (Spanischer Erbfolgekrieg) gingen siegreich aus der Schlacht hervor.

Bootshütten am Kochelsee

Bootshütten am Kochelsee

Die anmutige Landschaft rund um den Kochelsee ist perfekt zum Wandern und Radfahren. Da wären beispielsweise auch das fast in Vergessenheit geratene Kloster Schlehdorf aus dem 8. Jh. mit seinen beiden Kirchtürmen am Nordwestufer, das neben dem wesentlich jüngeren Walchensee-Kraftwerk (1924) zu den wichtigsten Bauwerken am Kochelsee zählt.

Klosster Schlehdorf am Kochelsee

Kloster Schlehdorf am Kochelsee

Auf eine Besonderheit in der Schlehdorfer Stiftskirche St. Tertulin möchte ich Sie gerne aufmerksam machen. Dabei handelt es sich um eine mechanische Schleifladenorgel aus dem Jahre 1783, erbaut von Franz Thoma.

Relais und Alpen Tipps für Kochel am See

  • Jeden Sonntag im September, 16 Uhr, Orgelkonzert in St. Tertulin (Thoma-Orgel) – ein Musikgenuss für Orgel-Liebhaber, Eintritt frei, freiwillige Spenden erwünscht. Näheres unter www.pfarrei-schlehdorf.de
  • Etwa vier Kilometer von Schlehdorf entfernt, bei Großweil befindet sich das größte südbayerische Freilichtmuseum in der Glentleiten. Info: glentleiten.de.
  • Bevor Sie Kochel in Richtung Walchensee verlassen, erreichen Sie im Anstieg zur Kesselbergstraße linker Hand das Franz Marc Museum noch vor der Abzweigung rechts, die zum Erlebniskraftwerk Walchensee führt. Vom Parkplatz erreichen Sie das Museum in ca. 10 Minuten bergauf durch den Franz-Marc-Park (Zugang für Gehbehinderte über die Alte Straße, ab dem Ortszentrum). Das Museum zeigt rund 2000 Werke der Blauen Reiter, der Künstlervereinigung Brücke und herausragende Arbeiten von Paul Klee. Info: www.franz-marc-museum.de
Blick auf den Kochelsee von der Aussichtsterrasse an der Kesselbergstraße

Blick auf den Kochelsee von der Aussichtsterrasse an der Kesselbergstraße

Nach diesem Ausflug in die Welt der Kunst geht es in Serpentinen hinauf auf den nur zweihundert Meter höher gelegenen Walchensee. Die bereits im 15. Jh. als Handelsweg ausgebaute Kesselbergstraße, wurde für den Weitertransport der Waren in den Norden notwendig als die Venezianer ihren Handelsmarkt von Bozen nach Mittenwald verlegten. Die kurvenreiche Bergstraße zwischen dem Walchen- und Kochelsee animierte in naher Vergangenheit zu Autorennen (Kesselberg-Rennen) und „verführte“ Scharen von Motorradfahrer die Kurven etwas schneller zu nehmen. Zahlreiche Unfälle waren die Folge, was zu Fahreinschränkungen insbesondere an Wochenenden für die Zweiräder führte. Eine große Aussichtsterrasse an der Kesselbergstraße gibt den Blick zurück auf den Kochelsee frei.

Walchensee

Nach wenigen Höhenmetern und etlichen Kurven ist der Walchensee erreicht. Im Ort Walchensee bietet sich mit der Kabinenbahn hinauf auf den 1731 Meter hohen Herzogstand (ein Lieblingsberg der bayerischen Könige) eine gute Gelegenheit die Aussicht auf die beiden Seen Kochelsee und Walchensee “von ganz oben” zu genießen. Von der Bergstation können geübte Berggeher zum beliebten Heimgarten (1790 m) auf einem teilweise gesicherten Steig in 1,5 Stunden wandern. Eine weitere schöne und aussichtsreiche, gut zweistündige Bergwanderung ab der Kesselberghöhe (Parkplatz) führt hinauf zum Jochberg (1565 m), mit Einkehrmöglichkeit auf der Jocheralm.

Blick von der Kesselbergstraße auf den Walchensee

Blick von der Kesselberghöhe auf den Walchensee

 

Walchensee mit Jochberg, 1565 m

Walchensee mit Jochberg, 1565 m

Die landschaftlich beeindruckende Strecke in Richtung Mittenwald führt zuerst entlang des Walchensees und weiter bis nach Wallgau. Auf dieser Strecke münden zwei Mautstraßen aus Lenggries kommend in die B11 ein. Die erstere über die Jachenau am Südufer des Walchensees, Einmündung bei Obernach/Einsiedel. Die zweite Mautstraße verläuft vorbei am Sylvensteinstausee und Vorderriß (Rißbachtal-Ahornboden) entlang der oberen Isar und endet direkt in Wallgau.

Das malerische Wallgau im Werdenfelser Land

Das malerische Wallgau im Werdenfelser Land

Herrlicher Blick ins Wettersteingebirge zwischen Wallgau und Krün

Herrlicher Blick ins Wettersteingebirge zwischen Wallgau und Krün

Die ersten Werdenfelser Häuser mit Lüftlmalereien und Zierbund flankieren den Weg. Besonders hübsch anzusehen, die Post in Krün mit Karwendelgebirge und dem Zwiebelturm der Pfarrkirche. Bei Krün kreuzt sich die Straße gen Süden nach Mittenwald und Innsbruck sowie in westlicher Richtung nach Garmisch-Partenkirchen. Ich wähle die Fahrt nach Süden mit Karwendel und Wettersteingebirge im Blick.

Ortsbild Krün mit Post

Ortsbild Krün mit Post

Am Ortseingang von Mittenwald geht der Blick die steilen und ortsnahen Karwendelwände hinauf. Scharfen Augen wird das übergroße und begehbare Fernrohr auf 2244 Metern nicht entgehen, das sich weit über die Felskante hinaus streckt. Darin befindet sich Deutschlands höchstgelegenes Umweltmuseum, das seinen Besuchern die Bergwelt näher bringt. Dieses „Sky-Erlebnis“ erreicht man mit der Mittenwalder Karwendelbahn. Wer mehr darüber erfahren möchte, findet unter www.bergwelt-karwendel.de alles Wissenswerte.

Mittenwald

Der beschauliche und sehr gepflegte Kur- und Gebirgsort eingebettet zwischen Karwendel- und Wettersteingebirge fällt mit seinen hübschen, teils bemalten Handelshäusern und Straßenzügen mit schmucken Kleinhäusern, die wie Perlen aneinandergereiht sind auf und setzt so manchen einige Jahrzehnte sogar Jahrhunderte zurück. Dies jedenfalls im ältesten Ortsteil Gries, nahe der Pfarrkirche.

Mittenwald, Ortsteil Anger im traditionellen Baustil

Mittenwald, Ortsteil Anger im traditionellen Baustil

Von der Pfarrkirche aus verläuft der Obermarkt, einst und heute pulsierende Mitte des Ortes. Damals, zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert war Mittenwald Handelszentrum der Venezianer, die 1487 ihre Handelsmitte von Bozen nach Mittenwald verlagerten. 1670 wurde der Markt nach Bozen zurück verlegt. Die wirtschaftliche Lücke wurde mit dem Geigenbauer Matthias Klotz wieder geschlossen, der 1680 nach seinen Ausbildungsjahren nach Mittenwald zurückkehrte und eine Geigenbaudynastie begründete. Mittenwald wurde zum Zentrum der Geigenbauer. Das Geigenbaumuseum befindet sich in der Ballenhausgasse Nr. 3.

Mittenwalder Pfarrkirche mit Klotz-Denkmal

Mittenwalder Pfarrkirche mit Klotz-Denkmal

Zu den schönsten Barockkirchen Oberbayerns zählt die Mittenwalder Pfarrkirche Peter und Paul. Sie erstaunt nicht nur innen sondern auch außen. Schüler von Matthias Günther (Augsburger Malschule) haben nach seinen Entwürfen den Turm auf der dem Obermarkt zugewandten Seite großflächig mit den Kirchenpatronen Petrus und Paulus bemalt.

Unmittelbar vor dem bemalten Turm befindet sich das Denkmal des Geigenbauers Matthias Klotz.

Der Neubau der Kirche (1738/40) wurde wie die Stuckaturen im inneren der Kirche von Joseph Schmuzer, Baumeister und Stuckateur aus Wessobrunn durchgeführt. Das Deckengemälde im Innenraum trägt die Handschrift von Matthias Günther.

Die beiden Namen, Joseph Schmuzer und Matthias Günther, werden uns im weiteren Verlauf dieses historischen Streifzuges begleiten.

 

In Mittenwald dürfen die Lüftlmalereien nicht vergessen werden. Ein gutes Beispiel für diese Malerei ist der Gasthof Alpenrose am Obermarkt, in der Nähe der Kirche, bemalt in der 2. Hälfte des 18. Jh. von Franz Seraph Zwinck aus Oberammergau.

Der Obermarkt von Mittenwald mit Pfarrkirche und Gasthof Alpenrose

Der Obermarkt von Mittenwald mit Pfarrkirche und Gasthof Alpenrose

 

Mittenwald: Eindrucksvolle Lüftlmalerei am Neunerhaus am Obermarkt

Mittenwald: Eindrucksvolle Lüftlmalerei – Neunerhaus am Obermarkt

Gegenüber, ein paar Schritte weiter am Obermarkt 24 befindet sich das Neunerhaus mit der ältesten Lüftlmalerei des Ortes (ca. 1746) aus der Schule von Matthias Günther.

Da Sie ja ohnehin vor diesem Haus stoppen werden, sollten Sie vielleicht eine kleine Pause einlegen und im Cafe Obermarkt die leckeren Kuchen ausprobieren.

 

Es gibt in Mittenwald noch zahlreich bemalte Häuser des 18. Jh. mehr. Informationen darüber finden Sie unter www.alpenwelt-karwendel.de

 

Lesen Sie gleich hier weiter im 2. Teil…

 

 

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Tipp! Leutaschtal

Weiter gen Süden ins Tiroler Inntal von Mittenwald über Seefeld nach Innsbruck. Hier empfiehlt es sich die Bundesstraße sprichwörtlich mal links liegen zu lassen und durch das landschaftlich ansprechende Leutaschtal zu fahren, eines der schönsten Naturtäler des Tiroler Nordens.
Wer möchte, kann am Wettersteingebirge entlang durch das bezaubernde Gaistal fahren, von Leutasch bis Ehrwald (Anbindung an Lermoos, den Fernpass oder Garmisch Partenkirchen). Nehmen Sie sich Zeit für diese Täler, die sich zum Wandern egal ob gemütlich über die Almen oder hoch hinaus ins Wettersteingebirge lohnen.

Der Heimatschriftsteller Ludwig Ganghofer (1855-1920) lebte einige Jahre in diesen wildromantischen, einsamen Tälern. Diese Täler inspirierten ihn zu seinem Roman Schloss Hubertus.

 

 

 

 

Christa

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