Radtour Chiemsee: Natur, Kelten und die Römer

Christa —  3. Mai 2014 — Kommentieren

Rund 68 km lang ist die Umrundung des Chiemsees auf dem teilweise naturbelassenen Uferweg und vor lauter Kilometer abradeln nimmt man weder die wunderbare Natur am See, die Chiemgauer Alpenkette, noch die Spuren einer längst vergangenen Epoche – einer 4000-jährigen Geschichte wahr. Auch ich habe des Öfteren „meinen See“ umrundet, den Run um den See mitgemacht. Schluss Christa, habe ich mir da gesagt, da gibt es MEHR am Bayerischen MEER. Nun gehe ich gelassener und vor allem neugieriger mit meinem Radl auf Tour – etappenweise, mit nützlichem Radträger am Auto. Diese Natur-Kultur-Tour führt neben einer Kurzbeschreibung der gesamten Umrundung, vor allem in den Norden an die Alz, dem einzigen Abfluss des Chiemsees, mit dem Ziel Truchtlaching. Mit dem Foto und Badesachen im Gepäck wird die Tour zum nachhaltigen Erlebnis.

Tipp für Wanderer!
Diese Route können Sie sehr gut per Pedes in Etappen mitmachen.

Chiemsee-Uferweg-Bernau

Im Bernauer Moos

Bernauer Moos

Es empfiehlt sich die frühe Morgenstunde für den Start in Bernau, Ortsteil Felden, Parkplatz direkt am See. Kurz die Chiemsee-Etappen in Circa-Angaben um den See.

  • Bernau bis Prien Schiffsanlegestelle, 6 km
  • Prien – Prienmündung – Schafwaschener Winkl – Breitbrunn – Gstadt, 17 km. In Gstadt gibt es durch den imposanten Inselblick sowie die Schiffsanlegestelle viele Touristen – bitte Rücksicht nehmen und durch den Hofanger (Rosen- und Kräutergarten) gemütlich das Rad einfach mal schieben… oder parken!
  • Gstadt – Lambach – Esbaum – Seebruck, 9 km
  • Seebruck – Truchtlaching, 6 km, leichter und kurzer Anstieg nach Stöffling danach geht es gemächlich weiter. Nach dem Keltendorf bis Truchtlaching geht es immer wieder leicht bergab… ein Gefälle, das beim Rückweg wieder gemeistert werden muss – aber das ist kein Problem.
  • Seebruck – Ostufer über Chieming, Hirschauer Bucht bei Grabenstätt – Bernau, 35 km

Sie können neben Bernau auch in Prien, Gstadt oder Seebruck in den Uferweg einsteigen sowie am Ostufer in Chieming. Diese Orte werden von der Chiemsee-Schifffahrt laufend angefahren und die bringt Sie wieder an Ihren Ausgangsort zurück. Bitte beachten Sie, dass Fahrräder nicht auf allen Schiffen und nur begrenzt mitgenommen werden. Dafür gibt es zusätzlich den Rad- und Wanderbus, der fünfmal am Tag seine Runde um den See dreht und Radler und Wanderer aufsammelt. Die Chiemseeringlinie hat einen festen Fahrplan von Mitte Mai bis Ende September. Entlang des Uferweges finden Sie gemütliche Cafes, Brotzeitstüberl und Hotel-Restaurants für jeden Anspruch.

Natur-Erlebnis Chiemsee für Entdecker

Auf dem Weg um den Chiemsee bieten Aussichts- und Beobachtungstürme einen guten Ein- und Überblick über die Vogel- und Naturwelt am Chiemsee: Bernau – Irschener Winkel, Rimsting – Hütte an der Prien-Mündung, vor Gstadt – Ganszipfl, Seebruck, Chieming, Hagenau, Grabenstätt – Hirschauer Bucht, Übersee-Feldwies – im Achendelta der Beobachtungsturm Lachsgang und das Aquarium beim Gasthof Seewirt-Strandhaus an der Uferpromenade.

Und nun kann es losgehen… Beginnen Sie an der Bernauer Seepromenade, vorbei an der Kurklinik zuerst in westlicher, dann nördlicher Richtung durch das Bernauer Moos, Drath- und Harrasser Moos bis zum Hotel Fischer am See, mit kleinem Segler-Hafen.

Nistplatz im Segelhafen Fischer am See_Prien

Fischer am See

Durch Prien geht es ab hier auf der öffentlichen Straße am See entlang, bis man hinter dem Erlebnisbad Prienavera wieder auf den Uferweg in Richtung Priendelta und Rimsting kommt. Prien-Zusteiger finden Parkplatze direkt am See in Stock, Schiffsanlegestelle. (Von hier fahren die Schiffe zu den Inseln Herren- und Frauenchiemsee)

Wer sich im Priendelta Zeit nimmt, den erwartet ein geologischer Lehrpfad mit eiszeitlich alten Steinblöcken, die von der Entstehung der Landschaft rund um den See informieren. Wer genau hinschaut (Info-Hütte an der Prienmündung), entdeckt eine vielfältige Vogelwelt. Je nach Jahreszeit werden Graugänse, Silberreiher und manchmal sogar Gänsesäger gesichtet. Sie werden es nicht glauben wollen, aber hier im Auwald an der Prienmündung hat sich der Biber wieder eine Heimat gesucht. Ich selbst bin in den Wintermonaten gerne an der Prienmündung mit einer einzigartigen bizarren Winterlandschaft, aber davon berichte ich Ihnen später, hier auf Relais und Alpen – dann, im Winterhalbjahr. Jetzt aber hurtig weiter unserem Ziel entgegen. Der nächste Etappenpunkt ist der Schafwaschener Winkl, bei Rimsting.

Schafwaschener-Bucht_Rimsting

Schafwaschen_Chiemsee

Jetzt beginnt der landschaftlich schönste aber auch am stärksten frequentierte Teil des Chiemsee Uferweges, der Westen über Breitbrunn, der den Radlern so manchen kurzen steilen Aufstieg bringt und somit meist aus Rücksicht zu den Wanderern einen Abstieg vom Rad erfordert. Die Wege sind hier naturbelassen und besser dazu geeignet das Rad mal kurz zu schieben. Interessierte finden entlang des Weges in der Mühlner Bucht Informationstafeln, die über die heimische Blütenwelt berichten. Kurz nach Mühln, beim Ganzzipfel lohnt sich ein Halt am Beobachtungsturm, ebenfalls mit Info-Tafeln ausgestattet.

Gstadt, der höchstgelegene Chiemseeort mit Traumkulisse

Nur wenige Kilometer weiter ist dann endlich der schönste Seeblick mit der attraktivsten Aussicht auf die Chiemgauer Alpen und Chiemsee-Inseln, insbesondere der Fraueninsel erreicht. Im Ortszentrum gibt es viel Rummel durch die Schiffsanlegestelle und noch einmal einen kurzen Aufstieg zum Hofanger.

Wanderer oder die Rad-Einsteiger finden am Ortseingang aus Prien kommend einen Parkplatz vor, der für den Fall der Fälle auch sehr gut von der Schiffsanlegestelle oder Haltestelle der Chiemseeringlinie erreichbar ist.

Der am Ufer erhöht gelegene Hofanger mit Kräuter- und Rosengarten sollte jedem eine Schnauf- und Fotopause wert sein.

Chiemseeblick_Gstadt

Gstadt_Inselblick

Gstadt_Rosenblüte im Hofanger

Weiter führt der Uferweg vorbei an Gollenshausen, Malerwinkel und Lambach bis Esbaum. Im Hotel-Restaurant Malerwinkel direkt am Ufer sitze ich immer sehr gerne und genieße auf der Gartenterrasse von Rosen umgeben den schönen See- und Bergblick. Hier wird man zudem mit einer gehobenen Speisekarte und gutem Service verwöhnt. Erholt kann es jetzt weiter gehen auf den Spuren der Kelten und den Römer. Die 4000-jährige Geschichte wird sichtbar.

Badeplatz Esbaum

In Esbaum (Parkplatz) zwischen Lambach und Seebruck erreichen Radler und Wanderer einen schönen und relativ ruhigen Badeplatz mit einer Außenstelle des Römermuseums Bedaium in Seebruck. Gezeigt wird der Querschnitt einer Römerstraße, so wie sie von den Römern um 50 n. Chr. am Chiemsee-Nordufer erbaut wurde.

Römerstrasse_Detailansicht_Esbaum-Seebruck

Seebruck mit der Brücke über die Alz, war einst ein bedeutender Ort auf der alten Salzstraße zwischen Salzburg und Augsburg. Spuren der Kelten aus der Latenezeit (5. bis 1. Jh. v. Chr., hervorgegangen aus der Hallstatt-Kultur) haben Seebruck, das frühere Bedaium in der Provinz Noricum und dem Verwaltungsbezirk Iuvavium, zum besterforschten Römerort Bayerns gemacht. Für Interessierte ist der 27 km lange „Archäologische Rundweg“ zu empfehlen, der durch Seebruck, Seeon und Truchtlaching führt. Letzterer ist unser Ziel.

Von Esbaum am Uferweg in Richtung Ortszentrum kommt man an einer weiteren Außenstelle des Museums vorbei, an der Darre (Pavillon). Dem Anschein nach handelt es sich um eine Räucheranlage für Fleisch und Fisch in einer ehemaligen römischen Siedlung. Wie Ausgrabungen aus jüngster Zeit belegen, unterhielten die Römer bereits einen Hafen, was auf einen regen Verkehr auf dem Chiemsee schließen lässt. Wo sich heute die Pfarrkirche St. Thomas erhebt stand damals ein römisches Kastell. Eine noch erhaltene römische Mauer erzählt davon, sowie Steine, die für den Kirchenbau genutzt wurden. Gegenüber der Kirche befindet sich das Römermuseum Bedaium mit gemütlicher, mediterraner Taverne. 500 äußerst bemerkenswerte Ausstellungs- und Fundstücke aus der Chiemgauer Vergangenheit bis in die Latenezeit, sind einen Besuch wert. Das Museum ist von Dienstag bis Samstag sowie am Sonntagnachmittag geöffnet. Mehr Infos unter bedaium.de

Bergkulisse am Chiemsee_Nordufer

Seebruck

 

Die obere Alz bis Truchtlaching

Über die Alz, dem einzigen Abfluss des Chiemsees geht es auf einer neuzeitlichen (nicht mehr römischen) Brücke weiter. Gleich nach der Brücke geht es links über die Haushoferstraße zur Abzweigung des Rad- und Wanderweges (kleiner Parkplatz) wiederum links in Richtung Stöffling und Truchtlaching. Durch den Auenwald an der Alz entlang fährt/wandert man nur ein kurzes Stück, bis der Weg sich öffnet und im langen Anstieg nach Stöffling herrliche Blicke zurück nach Seebruck frei gibt.

Die obere Alz zwischen Seebruck und Baumburg (Klosterkirche!) ist ein sehr ruhiger natürlicher Fluss, was auf seinem weiteren Weg über 63 km leider nicht mehr gesagt werden kann. In der Nähe von Marktl fließt die Alz in den bayerischen Inn. Zählt man die Kitzbühler Ache als Quellfluss, wie die weiterführende Tiroler Ache hinzu, bringt es die Alz auf stolze 150 Kilometer.

Blick auf Seebruck am Chiemsee

Nach einem sich hinziehenden Anstieg, die Moränenhügel der letzten Eiszeit fordern ihren Tribut, ist der Weiler Stöffling erreicht. Am Ortsende links halten, dann werden die Hütten der Nachbildung eines ehemaligen Kelten-Gehöfts schon sichtbar. Das Gehöft, wie es in diesem Raum etwa 500 v. Chr. gestanden hat, ist frei zugänglich und zählt zu den Außenstellen des Römermuseums Bedaium. Das Gehöft liegt auf dem Archäologischen Rundweg, wie oben beschrieben.

Kelten-Gehöft-Stöffling_Eingang

Kelten-Gehöft_Stöffling_Chiemsee

Keltendorf bei Stoeffling

Kelten-Fenster

Detailansicht eines Fensters im Wohngebäude

im Kelten-Gehöft Stoeffling

Hinter dem „Kelten-Zaun“ (Bild oben) ist der weitere Wegverlauf sichtbar. Es ist ein angenehmes Radeln leicht bergauf und bergab durch Streuwiesen und Felder – eine naturnahe Landschaft erschließt sich bis zum Ortsbeginn von Truchtlaching, das wir aber noch „rechts“ liegen lassen.

Mohnblumen in den Alzauen

Der Weg geht am Ortseingang links beim Quellweg ab in Richtung Bergweg. Wieder mal liegt ein längerer Anstieg quer durch den Ort und hinauf auf knapp 550 Meter, dem Schlösslberg an. Die Keltenschanze, eine quadratische Wallanlage liegt gut im Auwald versteckt und ist nur über naturbelassene Wege erreichbar. Die Viereckschanze von Truchtlaching aus der Latenezeit, ist wie die bald danach erreichte Fluchtburg der Kelten (Nachbildung unten im Bild) nicht ganz einfach zu finden. Es ist schon ein kleines Erlebnis durch diesen urwaldähnlichen Auenwald im Alz-Knie seinen Weg zu finden und es kommt schier keiner, den sie nach dem richtigen Weg fragen könnten. Ein paar Weg-Tafeln würden den Suchenden helfen. Sagen Sie nicht, ich hätte sie nicht gewarnt.

Fluchtburg der Kelten im Alzknie_Truchtlaching

Mit gutem Orientierungssinn erreicht man schließlich doch noch Feldwege und die Westenstraße, die aus dem Alz-Urwald in Richtung Ortsmitte von Truchtlaching führen.

Alz bei Truchtlaching

Enten beim Sonnenbad an der Alz

Strandbad an der Alz

Etwas erschöpft von meinen Kelten-Erkundungen habe ich mich im Strandbad an der Alz gegenüber der Pfarrkirche St. Johann-Baptist, den faulen Enten gleich, niedergelassen und ein Bad in der Sonne genossen.

Truchtlaching_St.Johann-Baptist

Für die Rückfahrt empfiehlt sich die direkte Strecke nach Seebruck ohne Abstecher Keltenschanze dafür mit einem Besuch der hübschen Pfarrkirche, ein ursprünglich gotischer Bau aus dem Jahre 1435 mit Zwiebelturm, einer Pieta um 1500 und Grabplatten des Truchtlachinger Rittergeschlechts.

Alternativ die Fahrstraße gen Nord-West (Richtung Seeon) über Döging und weiter in südlicher Richtung über Ischl (Gräberfeld an der Alz) und Pullach nach Seebruck. Vor Ischl zeigt sich die Alz mit ihrem Knie, einer Schilfinsel und dem bewaldeten Moränenhügel (rechts im Bild) in dem Sie die Keltenschanze und Fluchtburg entdeckt haben.

Alz-Knie

Wer zurück in Seebruck noch Kraft und Ausdauer verspürt kann bis zum Ausgangspunkt auf dem Chiemsee-Uferweg zurück radeln oder den gefühlt erheblich längeren östlichen Uferweg über Chieming, Grabenstätt und Übersee nach Bernau fahren. Die bequemere Variante wäre die Chiemseeringlinie bzw. ein Chiemseeschiff zum Ausgangsort zurück.

 

Die Vollendung der Chiemsee-Umrundung – das Ostufer

Den Um-Radlern möchte ich noch einen Naturtipp mit auf den Weg geben, da die Strecke von Seebruck bis Chieming ziemlich unspektakulär mit Blick über den See und Berge verläuft. Dazu müssen Radler bei Seehäusl vom See weg, da der einzige kilometerlange Uferweg in Chieming nur für Fußgänger zugänglich ist. Nach dem Ort dürfen auch Radler wieder auf den Uferweg, der teilweise ziemlich schmal (einspurig) zwischen Campingplatz und der Bundesstraße nach Grabenstätt verläuft.

 

Nun zu meinem Tipp, die Hirschauer Bucht

Der Chiemsee wird jährlich um 1,3 Hektar kleiner, seine Zuflüsse, die Prien (Prienmündung siehe oben) und die Tiroler Ache zwischen Übersee und Grabenstätt bringen so viel Geschiebe mit, dass das ursprünglich am See gelegene Grabenstätt, zwischenzeitlich 2 km vom See entfernt liegt.

In der Hirschauer Bucht vom Beobachtungsturm haben Sie eine gute Übersicht über die Verlandung des Chiemsees. Schätzungen gehen davon aus, dass der Chiemsee in 8000 bis 10000 Jahren gänzlich verschwunden ist.

Chiemsee_Verlandung Hirschauer Bucht

Chiemsee_Verlandung Tiroler Ache

Im Grabenstätter Moos finden Sie im Frühsommer, direkt neben dem Radelweg in Richtung Übersee die Sibirische Schwertlilie, kurz Iris, die sich mit zarten Blautönen aus dem Grün hervorhebt.

Chiemsee_Schwertlilie

Nach diesem Natur- und Kulturerlebnis der vergangenen Stunden “ziehen” sich die letzten acht Kilometer Uferweg zwischen der Autobahn München-Salzburg und Chiemsee bis Bernau-Felden. Sie sind im Jetzt zurück. Die wunderschöne Chiemsee-Landschaft verstärkt durch die Chiemgauer Alpen stemmen sich gewaltig gegen dieses hässliche, laute und viel befahrene Bauwerk der Neuzeit. Da wünscht man sich einen Tunnel für die Autobahn, möglichst tief im Boden versteckt.

 

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Mehr über die Region

Tourismus-Information: www.chiemsee-alpenland.de

Buchempfehlung: Natur- und Kulturführer CHIEMSEE
Wolfgang Dieten und Josef Reiter, erschienen im Chiemgauer Verlagshaus (2010), handlicher Bildband (€ 29,80) zum Mitnehmen geeignet mit verschiedenen Tourenbeschreibungen – ISBN 978-3-9813620-0-8. Der Bildband berichtet über die Kultur im Chiemgau, Fauna und Flora mit Bildtafeln, Artenlisten und Fakten zum Chiemsee.

 

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Christa

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